Shark 24

George Hinterhoeller

George Hinterhoeller ist in der erfolgreichen kanadischen Bootsbauindustrie ein klingender Name. Viele Innovationen, Konstruktionen und Klassiker tragen seine Handschrift als Designer und Bootsbauer. Als George Hinterhoeller 1999 in Niagara-on-the-Lake stirbt, schreibt Ian Couts in seinem Nachruf in der renommierten kanadischen Tageszeitung „The Globe and Mail“: „A Little George will always sail with every Shark.“.

Denn obwohl der Name Hinterhoeller für 10 Yachten als Designer und für 28 als Hersteller steht, bleibt seine erste Konstruktion, die Shark 24, sein legendärster und erfolgreichster Entwurf. 

George Hinterhoeller wurde als Georg Anton Hinterhöller am 16. März 1928 in Mondsee im österreichischen Salzkammergut geboren. Dort kommt er mit dem Segelsport in Berührung und macht bei der Firma Frauscher in Gmunden eine Ausbildung zum Bootsbauer. Engelbert Frauscher hatte den Bootsbaubetrieb 1927 in Wien gegründet und ist nach der Zerstörung der Werft im Zweiten Weltkrieg mit dem Betrieb nach Gmunden übersiedelt. Frauscher hatte unter anderem seit 1933 die Olympia Jolle (O-Jolle) und 1940 das erste Rennboot gebaut und steht bis heute für außergewöhnliches Design und hohe Qualität. Hier liegen wohl auch die Wurzeln für Hinterhoellers spätere Konstruktionen.

1952 verläßt der im Holzbootsbau geschulte Hinterhoeller seine Heimat in Richtung Kanada. Seine aus Österreich mitgenommenen Werkzeuge finden sich noch heute in der Sammlung des Marinemuseums in Kingston am Ontario See. „Ich kam in Nordamerika an, wo die Straßen mit Gold gepflastert sind, mit einer Kiste voll Werkzeug, einer Ausbildung als Bootsbauer und 30 Dollar in meiner Tasche.“.

Aber auf ihn wartete auch ein Arbeitsplatz bei Shepherd Boats in Niagara-on-the-Lake.
Die 1928 gegründete Werft erzeugte edle Motorboote und erlebte in den 50er Jahren einen wahren Boom. 1950 erregte das kanadische Familienunternehmen auf der New York National Boat Show mit seinen Entwürfen großes Aufsehen und eroberte den amerikanischen Bootsmarkt. Doch George Hinterhoeller war ein begeisterter Segler und Powerboats waren nicht so sehr seine Leidenschaft.

So begann er in seiner Freizeit Segelboote zu bauen. Sandy Edmison kaufte einen von ihm gebauten Holz-Y-Flyer und wurde damit kanadischer Meister. 40 weitere Y-Flyer sollten folgen.

George Hinterhoeller wußte offenbar wie man schnelle Jollen baut und machte sich dieses Wissen auch zunutze, als er eine kleine, schnelle Kielyacht für sich und seine Familie bauen wollte. Natürlich hatte er als Regattasegler einen vorrangigen Gedanken bei der Konstruktion seines eigenen Bootes: „Sie solle wie Hölle laufen, wenn der Wind bläst. Und als der Wind blies, lief sie wie Hölle.“.
Aber Geschwindigkeit war sicher nicht der einzige Anspruch – es sollte genug Platz für eine kleine Familie bieten, leicht trailerbar sein, sicher und seetüchtig und leicht und aktiv zu segeln sein. Heraus kam dabei die Teeter-Totter, eine 22 Fuß lange Kiel-Slup mit einem 7/8-Rigg, die mehr den Charakter einer Jolle hatte als den eines Kielverdrängers. Wahrscheinlich war es der kompromisslose Zuschnitt auf seine eigenen seglerischen Bedürfnisse, die zu diesem Jahrhundert-Entwurf führten. Natürlich sind Qualitäten und Vorzüge einer Yacht auch immer an die Vorlieben des Eigners gebunden, doch in einem Punkt konnte die Teeter-Totter bald in der kanadischen Segler-Szene Aufmerksamkeit erregen und das auch bei Regatten unter Beweis stellen – sie war schnell.

Und diese Aufmerksamkeit kam George Hinter-hoeller, der gerade dabei war seine eigene Werft aufzubauen, gerade recht. Er überarbeitete den Entwurf, verlängerte ihn auf 24 Fuß und ging mit dem nun Shark 24 genannten Kleinkreuzer in die Serienproduktion. Dabei war Hinterhoellers Boots-baumaterial zu dieser Zeit naturgemäß Holz – sowohl der Y-Flyer als auch die Shark 24 wurden aus Bootssperrholz gebaut. Ein Material, das er aus seiner Lehrzeit bei Frauscher gut kannte und perfekt zu verarbeiten wußte.

Doch mit Seriennummer 5 sollte sich alles ändern. Ein Kunde namens Bill O’Reilly bestellte eine Shark 24, bestand aber darauf, dass sie aus  glasfaserver-stärktem Kunststoff (GFK), einem neuen Werkstoff im Yachtbau, gefertigt wurde.
Auf Hinterhoellers Skepsis, der keinerlei Erfahrung mit GFK-Bootsbau hatte, reagierte O’Reilly gelassen und machte ihn mit Bert Miller bekannt, der Powerboats aus GFK baute. Bert Miller lud George Hinterhoeller ein, ihm an einem Samstagvormittag beim Bau eines GFK-Rumpfs zu helfen. Als er dann mit eigenen Augen sah, wie der Rumpf in nur drei Stunden fertiggestellt wurde, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er rief noch am gleichen Tag seinen Geschäftspartner Gordon Brinsmeac an, um ihm zu berichten, dass es ein neues Material gab, mit dem man Boote wesentlich schneller bauen könne als mit Holz.

George Hinterhoeller baute zur richtigen Zeit das richtige Schiff aus dem richtigen Material und die Shark 24 bildete ein wichtiges Erfolgsmodell von Hinterhoeller Limited. Mehr noch gelang ihm mit der Shark 24 ein Klassiker, mit über 2.000 Stück eine der erfolgreichsten Serienproduktionen der Bootsbaugeschichte, die seit 1959 bis heute durchgehend von verschiedenen Werften in Lizenz erzeugt wird.

Schnell wird Hinterhoeller Limited zu einem führenden Produzenten in der aufstrebenden kanadischen Bootsbauindustrie. Neben eigenen Entwürfen, wie der Cygnus 20 oder der Hinterhoeller 28 werden in der Werft auch die von Cuthbertson & Cassian designte Invader 36 und Redwing 30 gebaut.
Der Maschinenbauer George Cuthbertson und der Flugzeugdesigner George Cassian, zwei kanadische Segler, gründeten 1961 das Designbüro Cuthbertson & Cassian und begannen, Schiffe zu entwerfen.
Nach dem sehr erfolgreichen Design der Invader 36 für Hinterhoeller Ltd. begannen sie mit dem Design einer Rennyacht. Die 40 Fuß lange Red Jacket wurde schließlich von Bruckmann Manufacturing in GFK gebaut und konnte  1966 als erstes kanadisches Boot den legendären SORC (Southern Ocean Racing Circuit) gewinnen.
1967 machte die Shark 24 den Sprung über den Atlantik und wurde fortan von der österreichischen Schiffswerft Korneuburg in Lizenz erzeugt.
1969 war Hinterhoeller Limited Boat Builders eine 2.000 qm große Werft mit 58 Mitarbeitern die 181 Boote bauten.

Und 1969 brachte einen großen Umbruch im kanadischen Yachtbau. Cuthbertson & Cassian holten Ian Morch von Belleville Marine Yacht Builder, George Hinterhoeller von Hinterhoeller Yacht und Erik Bruckmann von Bruckmann Manufacturing ins Boot und am 26. September wurde das Joint Venture C&C Yachts Limited gegründet. Das Unternehmen wurde zum größten und wirtschaftlich und sportlich erfolgreichsten Yachthersteller Kanadas und hatte großen Einfluß auf die gesamte nordamerikanische Yachtindustrie. Die Serienproduktion von GFK Yachten wurde optimiert, technische Neuerungen entwickelt und eine breite Palette an Modellen entworfen und gebaut. Ian Morch wurde Präsident von C&C und George Hinterhoeller Leiter der Produktion.
Eine Funktion, die ihm wie angegossen schien und er konnte zahlreiche Innovationen einbringen. So wurden die Rümpfe in Vertiefungen im Boden der Werkshallen hergestellt, um das Arbeiten an der Leiter überflüssig zu machen, ein Wagen mit hydraulischem Kran konstruiert, um die Rümpfe zu bewegen oder eine Rumpf-Deck-Verbindung erfunden, die zum industriellen Standard wurde. Als Ian Morch nach wirtschaftlichen Problemen zurücktrat, wurde George Hinterhoeller zum Präsidenten von C&C gewählt. In dieser Position fühlte er sich jedoch nicht wohl. Die trockene Management-Tätigkeit, weit weg vom praktischen Alltag des Bootsbaus, war nicht nach seinem Geschmack. Ein Journalist beschrieb ihn zu dieser Zeit als ausgelaugten, kettenrauchenden Mann, der hinter einem Stapel von Notizen wenig enthusiastisch wirkte – ein Träumer mit schmutzigen Händen. 

1975 verließ George Hinterhoeller schließlich die von ihm mitbegründete C&C Yachts Limited, um seine eigene Firma, Hinterhoeller Yachts Limited, in St.-Catherines, Ontario. wieder zu gründen. 1977 folgten ihm vier weitere Mitarbeiter von C&C. Und so kehrte er nochmals zu den Anfängen seiner Karriere zurück – als Hersteller einer überschaubaren Modellreihe von herausragenden Yachten. Einen wichtigen Anteil an der erfolgreichen Wiedergründung von Hinterhoeller Yachts hatte Mark Ellis, der die Entwürfe machte.
Mark Ellis arbeitete bei C&C und war für das Riggdesign zuständig. 1975 machte er sich mit seinem eigenen Designbüro selbständig und designte die erfolgreichen Fahrtenyachten der Niagara Serie. Sein außergewöhnlichster Entwurf war allerdings die Nonsuch, die anfänglich bei Hinterhoeller nicht ohne Grund auf Skepsis stieß. Die Idee, eine 30 Fuß Yacht mit Kat-Takelung, also nur einem Großsegel an einem weit vorne stehenden Mast, zu bauen, war gegen jeden Trend. Doch der Erfolg überraschte alle, am meisten George Hinterhoeller selbst: Die Nonsuch 22, 26, 30, 324, 33 und 36 wurden über 1.000 mal gebaut.
1986 wurde ein Teil der Produktion zu Halman Manufacturing Company in Beamsville, Ontario verlagert. 

In den späten 1980er Jahren verkaufte Hinterhoeller seine Anteile an Hinterhoeller Yachts Ltd.
Einerseits um in den Ruhestand zu gehen, andererseits sah er, dass der Markt mit Gebraucht-booten gesättigt war und keine der Werften ihre Produktion drosseln wollte. Heute sind diese Werften großteils vom Markt verschwunden. Und 1998 verlor der Markenname Hinterhoeller schließlich seinen Markenschutz.

Am 18. März 1999 stirbt George Hinterhoeller an einem schweren Herzinfarkt im Niagara-on-the-Lake-Hospital, Kanada. 

2011 wurden die Gründer von C&C Yachts Rob Ball, Erich Bruckmann, George Cassian, George Cuthbertson, George Hinterhoeller und Ian Morch mit dem Legends of Ontario Sailing Award ausgezeichnet.

Und der Geist des genialen und außergewöhnlichen George Hinterhoeller, der hier in Österreich unter den Sharkies noch immer Georg genannt wird, segelt immer auf jeder Shark 24 mit – ob auf den Seen in Österreich, Deutschland und der Schweiz, auf den großen Seen Nordamerikas, den Küsten der Weltmeere oder der großen Fahrt über den Atlantik.

m.s.